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26. Juni 2026
Aktualisiert am 30. Juni 2026

Exoskelette tauchen in immer mehr Betrieben auf, besonders dort, wo regelmäßig gehoben, getragen oder über Kopf gearbeitet wird. Die Versprechen sind groß: weniger körperliche Belastung, mehr Ausdauer im Arbeitsalltag. In der Praxis ist das Bild differenzierter. Exoskelette können tatsächlich entlasten, vor allem bei bestimmten Tätigkeiten. Gleichzeitig lösen sie keine grundlegenden Probleme im Ablauf und passen nicht zu jeder Arbeit. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob die Technik funktioniert, sondern ob sie im eigenen Betrieb wirklich etwas verändert.
Ein Exoskelett wird wie ein Gestell am Körper getragen und übernimmt beim Arbeiten einen Teil der Kraft, etwa beim Heben oder beim Halten der Arme über längere Zeit (vgl. Fraunhofer IPA).
Im Betrieb kommen vor allem zwei Varianten vor:
rückenunterstützende Systeme für Heben und Arbeiten in vorgebeugter Haltung
schulterunterstützende Systeme für längere Über‑Kopf-Arbeiten
Dazu gibt es:
passive Systeme, die mechanisch arbeiten, etwa mit Federn
aktive Systeme mit motorischer Unterstützung
Im Alltag zeigt sich die Wirkung ganz konkret: Wer regelmäßig Bauteile vom Boden aufnehmen und auf Arbeitshöhe bringen muss oder längere Zeit über Kopf montiert, merkt schnell, dass die Bewegung weniger Kraft kostet und sich nicht mehr ganz so stark im Rücken oder in den Schultern bemerkbar macht.
Wichtig ist dabei die Einordnung: Die Arbeit bleibt dieselbe, sie wird nur leichter. Das heißt konkret: Exoskelette entlasten das Muskel-Skelett-System, sie nehmen die Belastung aber nicht vollständig ab. Und sie sind keine zertifizierte Schutzausrüstung. Ihre rechtliche Einordnung ist derzeit ungeklärt (vgl. DGUV & Haufe).
Studien zeigen, dass die Entlastung spürbar ist, aber sie fällt je nach Tätigkeit unterschiedlich aus. Beim EXOWORKATHLON von Fraunhofer IPA und der Universität Stuttgart bewerteten 125 Teilnehmende die Arbeit mit Exoskelett je nach Aufgabe um ein bis drei Punkte weniger anstrengend auf der Borg-Skala (vgl. EXOWORKATHLON). Auch eine Teilstudie beim Über‑Kopf-Schweißen kam auf etwa zwei Punkte weniger Belastung (vgl. SLV Nord).
Was bedeutet das konkret im Alltag?
Nach einem Arbeitstag fühlen sich Tätigkeiten mit einem Exoskelett weniger kräftezehrend an und machen sie machen gerade bei wiederkehrenden Bewegungen einen Unterschied.
Wichtig ist aber auch hier wieder die Einordnung: Diese Werte beschreiben das persönliche Belastungsempfinden, nicht Unfallzahlen oder Krankheitsausfälle. Die Entlastung ist real, aber sie ist nicht für jede Tätigkeit gleich und hängt stark vom Einsatz ab.
Exoskelette spielen ihre Stärke dort aus, wo Belastung immer wieder gleich auftritt.
Typische Einsatzsituationen im Betrieb sind:
wenn Bauteile regelmäßig vom Boden auf Schulterhöhe gehoben werden
wenn in der Montage über längere Zeit über Kopf gearbeitet wird
oder wenn die Arbeit über längere Zeit in einer ähnlichen Haltung stattfindet
In solchen Abläufen berichten viele Beschäftigte, dass sich die Arbeit gegen Ende des Tages weniger stark „aufsummiert“.
Gleichzeitig zeigen sich im Einsatz auch klare Grenzen:
das System kann Bewegungen einschränken
es passt nicht zu jeder Tätigkeit
längeres Tragen kann unangenehm werden (z. B. Hitze oder Druckstellen)
in Einzelfällen entstehen neue Beschwerden
Entscheidend ist daher immer: Passt das Exoskelett zur konkreten Arbeit oder nur zur Idee davon?
Ein häufiger Fehler im Betrieb: Es wird direkt über neue Technik nachgedacht, bevor der Arbeitsplatz selbst optimiert ist. Dabei liegt der größte Hebel oft an ganz einfachen Stellen.
Ein typisches Beispiel: In einer Produktion werden Bauteile mehrfach pro Stunde vom Boden aufgenommen und auf Arbeitshöhe gesetzt. Ein Exoskelett kann diese Bewegung entlasten. Wird das Bauteil jedoch vorher auf eine passende Höhe gebracht, entfällt ein Großteil der Belastung ganz. Genau hier entscheidet sich, was wirklich wirkt.
Deshalb gilt eine klare Reihenfolge: Erst Abläufe und Arbeitsplatz verbessern und dann Exoskelette prüfen (vgl. Fraunhofer IPA). Oder anders gesagt: Was sich durch bessere Organisation lösen lässt, braucht oft keine zusätzliche Technik.
Wenn es um körperliche Entlastung geht, gibt es mehrere Wege und die lassen sich auch kombinieren.
Das gelingt zum Beispiel so:
Arbeitshöhen verändern
Werkstücke drehen
Tätigkeiten sinnvoll verteilen
Das ist oft der effektivste erste Schritt.
Darunter fallen zum Beispiel Hebe- oder Tragehilfen. Sie nehmen Last komplett ab, brauchen aber Platz und Organisation.
Als Ergänzung, wenn sich Belastung anders nicht vermeiden lässt. Sie entlasten spürbar, aber nur, wenn sie zum Einsatz passen.
Seit dem 1. Juli 2025 fördert die BG BAU den Einstieg in den Einsatz von Exoskeletten. Bezuschusst werden dabei sowohl die Einweisung als auch ein Praxistest im Betrieb, mit bis zu 50 Prozent der Kosten und maximal 1.500 Euro je Maßnahme (vgl. BG Bau).
Wichtig ist die Einordnung: Die Förderung bezieht sich auf den Test und die Einführung – nicht auf eine bestätigte Schutzwirkung (vgl. BG Bau).
Für den Betrieb heißt das vor allem, die Technik nicht direkt einzuführen, sondern zunächst im eigenen Alltag zu prüfen. Entscheidend ist, wie gut das Exoskelett tatsächlich zur jeweiligen Tätigkeit passt und wie es von den Beschäftigten angenommen wird. Erst auf dieser Grundlage lässt sich sinnvoll entscheiden, ob sich der Einsatz langfristig lohnt.
Exoskelette können im Arbeitsalltag spürbar entlasten, vor allem dort, wo Belastung immer wieder gleich auftritt, etwa beim Heben oder bei längerer Über‑Kopf-Arbeit.
Gleichzeitig sind sie kein Ersatz für einen gut gestalteten Arbeitsplatz. Wenn Abläufe nicht passen, lässt sich die Belastung oft einfacher und wirksamer direkt an der Organisation oder am Arbeitsplatz reduzieren.
Deshalb lohnt sich der Blick in der richtigen Reihenfolge: Erst prüfen, wo sich Belastung vermeiden lässt und dann schauen, ob ein Exoskelett sinnvoll ergänzt.
Entlastung entsteht nicht durch Technik allein, sondern dort, wo Arbeit im Alltag wirklich einfacher wird.
Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA (o. J.): Mit Exoskeletten Lasten heben und über Kopf arbeiten;verfügbar unter:
https://www.ipa.fraunhofer.de/de/presse/presseinformationen/mit-exoskeletten-lasten-heben-und-ueberkopfarbeiten.html
Fraunhofer IPA / Institut für Fördertechnik und Logistik IFF, Universität Stuttgart (o. J.): EXOWORKATHLON – Ergebnisse; verfügbar unter:
https://www.exoworkathlon.de/en/results.html
SLV Nord (o. J.): Ergebnisse des EXOWORKATHLONS beim Über‑Kopf-Schweißen; verfügbar unter:
https://www.slv-nord.de/aktuelles/detail/ich-koennte-das-doppelte-schaffen-ergebnisse-des-exoworkathlons-an-der-slv-nord/
Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) (2025): Arbeitsschutzprämie Exoskelette; verfügbar unter:
https://bgbauaktuell.bgbau.de/bg-bau-aktuell-32025/arbeitsschutzpraemie-exoskelette
Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) / Haufe (o. J.): Exoskelette – rechtliche Einordnung und Einsatz im Arbeitsschutz; verfügbar unter:
https://www.haufe.de/id/beitrag/exoskelette-zusammenfassung-LI12812295.html